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Wie smart sind Smart Home Lösungen?

mm1 sprach im Herbst mit Branchenvertretern über ihre Eindrücke zu Smart Home, derzeitige Herausforderungen und ihre Markteinschätzung für Deutschland in 2016.

Die mm1 Smart Home Experten David Hofmann, Managing Partner, und Torsten Witusch, Managing Consultant, befragten Smart Home Marktteilnehmer zu ihren Eindrücken von den auf der IFA gezeigten Lösungen, sowie zu ihren Erwartungen an die Marktentwicklung in 2016. Im Gespräch waren

  • Oliver Diener, Head of Convenient Living bei Gigaset
  • Stefan Scherber, Group Head Business Development International bei Techem
  • Thomas Surwald, Mitglied der Geschäftsleitung bei QSC
  • Ralf Weinbrecher, Chief Technical Officer bei AGFEO
  • Andreas Eichner, Marketing Intelligence / Marktforschung bei Somfy

Enttäuschend wenig Neues auf der IFA

Smart Home war dieses Jahr insgesamt nicht mehr so präsent auf der IFA wie noch vor einem Jahr. Die Experten waren sich einig, dass die großen Neuerungen ausblieben. „Die IFA hat für mich erstaunlich wenig Neues im Bereich Smart Home präsentiert. Ich hatte fast das Gefühl, dass bei den Unternehmen so eine Art Katerstimmung zu diesem Thema herrscht. Außer ein paar Portfolio-Erweiterungen gab es keine wirklich innovativen neuen Produkte“, so Oliver Diener von Gigaset. Stefan Scherber von Techem vermisste Angebote mit Begeisterungsfaktor. Offensichtlich sind für eine zunehmende Anzahl von Anwendungsfällen mittlerweile Produkte im Markt verfügbar. Die Endkunden nehmen allerdings entsprechende Mehrwerte bisher unzureichend wahr. Das liegt unter anderem auch daran, dass sowohl das Verständnis als auch die Bekanntheit von Smart Home weiterhin auf einem niedrigen Niveau liegt. Da viele Hersteller von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten vernetzte Produkte präsentieren ohne diese explizit als Smart Home Produkt zu positionieren wird es gegebenenfalls noch Jahre dauern bis Smart Home Lösungen im Massenmarkt ankommen.

Alle schauen gespannt auf die Entwicklungen bei Google, Apple & Co.

Mit großem Interesse werden branchenweit die Entwicklungen bei Google, Amazon und Apple verfolgt. So groß die Erwartungen an die Marktbereitung durch diese Player sind, so groß war auch die Enttäuschung über die geringe Anzahl von HomeKit-fähigen Produkten auf der diesjährigen IFA in Berlin. Lediglich eine handvoll Anbieter hat zertifizierte HomeKit-Lösungen im Angebot. „Enttäuschend fand ich die gezeigten Apple HomeKit-fähigen Produkte. Der Funktionsumfang dieser Geräte ist noch sehr reduziert. Das liegt aber wohl mehr an Apple als den Herstellern der Geräte. Hier hätte ich mir mehr Funktionalität gewünscht“ fasst Ralf Weinbrecher, AGFEO, die Marktpräsenz von Apple zusammen.

Ohne Interoperabilität und wahrgenommenem Kundennutzen kein Markterfolg

So konstatiert Stefan Scherber: „Viele große Player bieten ihre Produkte standardmäßig mit Schnittstellen an, so dass die Vernetzbarkeit gar nicht mehr explizit hervorgehoben wird. Samsung hat sehr beeindruckend dargestellt wie integrierte Lösungen über die Produktpalette hinweg aussehen können.“

Allerdings gelingt eine solch umfassende Vernetzung derzeit nur den großen Akteuren im Markt. Viele Einzellösungen sind jedoch nicht übergreifend vernetzbar. „Wie ‚smart‘ dies dann für die jeweiligen Nutzer sein wird, bleibt abzuwarten“ fasst Thomas Surwald, QSC,  diesen Zustand zusammen.

Die fehlende Interoperabilität zwischen den einzelnen Systemen ist daher nach wie vor eines der größten Hemmnisse im Hinblick auf den Smart Home-Massenmarkt. „Es gibt noch immer zu viele Insellösungen. Allerdings bin ich optimistisch, dass es in den nächsten Jahren gelingen wird, hier eine Brücke zu schlagen und die „Vernetzbarkeit“ der Smart Home-Systeme steigen wird“, blickt Ralf Weinbrecher positiv in die Smart Home Zukunft.

Oliver Diener dämpft jedoch diese Erwartungen. Für ihn haben es gerade universelle Plattformlösungen besonders schwer, einen konkreten verständlichen Nutzen zu vermitteln. Er zieht eine Parallele zum Spielzeugmarkt: „Obwohl LEGO die Plattform schlechthin ist, werden mehr Raumschiffe, Autos oder Ritterburgen verkauft als Sortimente mit einzelnen Steinen“. Der Kunde greift also lieber nach konkreten Produkten und nicht nach einem Strauß an Möglichkeiten. Auch Andreas Eichner sieht als größte Herausforderung den Konsumenten davon zu überzeugen, dass es sich bei Smart Home-Lösungen „nicht um technologischen Schnick-Schnack, sondern um Angebote mit wahrem Alltagsnutzen“ handelt.

Divergierende Ausblicke auf 2016

Für die Smart Home Zukunft sehen die befragten Experten sehr unterschiedliche Trends als Treiber:

(1)    Smart Home goes Social

Gigaset glaubt an die wachsende Bedeutung der sozialen Komponente bei Smart Home-Angeboten: „Wir gehen daher den Weg, die Dinge zu vernetzen, die einem lieb sind, um über diese Informationen zu generieren und mit anderen zu teilen. Hierbei steht die Vernetzung des persönlichen Umfelds im Vordergrund und nicht nur die Vernetzung der eigenen vier Wände.“, so der Ausblick von Oliver Diener.

(2)    Sicherheit und Energiemanagement im Kundeninteresse

Großes Potential sieht Ralf Weinbrecher bei smarten Anwendungen im Kontext Ambient Assistant Living (AAL), der Sicherheit und Überwachung, sowie im Energiemanagement. „Hier können Smart Home Lösungen ihr Potential ausspielen und treffen auf konkrete Kundenerwartungen und -bedürfnisse“. Allerdings müssen hierfür die Systeme noch stärker in den Hintergrund und das Nutzererlebnis in den Vordergrund treten.

(3)    Endgeräte treten in den Hintergrund

Derzeit erfordern Smart Home-Lösungen noch viel direkte Interaktion. In einem Auto geschehen viele Steuerungsvorgänge  bereits automatisch, beispielsweise die Steuerung des Scheibenwischers durch den Regensensor. Das wird in absehbarer Zeit Zuhause auch der Fall sein. Diesen Vergleich mit einem Auto zieht auch Stefan Scherber: „Ein Tesla ist heute schon ein gutes Beispiel dafür, dass das Auto immer mehr zum Computer auf Rädern wird. Da muss man gar nicht immer das Beispiel Google Car bemühen.“ Beim Smart Home sieht er eine ähnliche Entwicklung. Das Haus wird zum vernetzten Zuhause, das uns mit sinnvollen Services den Alltag vereinfacht. Er fährt fort „Aus meiner Sicht wird die Hardware aus dem Fokus verschwinden und der Service „Smart Home“ in der Vordergrund rücken.“ Intelligente Dienste werden seiner Ansicht nach den Erfolg ausmachen

(4)    Erfolg gibt es nur gemeinsam

Aus Sicht von Thomas Surwald ist das Auffinden der richtigen Partner ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Smart Home Markt „Kooperationen können signifikant zur Entwicklung des Marktes beitragen“. Intelligentes, übergreifendes Partnering kann „kommunizierbaren“ Kundennutzen schaffen und somit dem Marktumfeld zu weiterem Durchbruch verhelfen. Darüber hinaus bedient es das Kundeninteresse nach interoperablen Lösungen und zerstreut die Skepsis gegenüber Insellösungen in frühen Marktphasen.

mm1 empfiehlt Blick auf die Smart Home Allianzen

Nicht nur die Entwicklungen bei Google, Amazon und Apple werden in 2016 für den Smart Home Markt richtungsweisend sein. Auch die im vergangenen Jahr etablierten Allianzen - wie beispielsweise AllSeen oder Thread - sollten alle Anbieter im Blick behalten. „Für Marktteilnehmer ist es wichtig, sich mit den unterschiedlichen Allianzen auseinander zu setzen und sich zu vergegenwärtigen, welche Geschäftsmodelloptionen damit eröffnet werden, welche horizontalen Partner-Konzepte möglich sind, welche Kundensegmente adressiert werden können und welche Funktechnologien sich etablieren, um schließlich Interoperabilität im Smart Home zu ermöglichen“, so die Einschätzung von Torsten Witusch, Smart Home Experte bei mm1.

Nach Meinung von David Hofmann, Managing Partner bei mm1, sollten insbesondere die Marktteilnehmer „der ersten Stunde“ ihre Geschäftsfeldstrategie und ihre Marktpositionierung hinterfragen. Nach seiner Einschätzung werden einige Anbieter an der bevorstehenden Wachstumsphase im Smart Home Markt nicht partizipieren: „Wer in den Jahren 2010 bis 2014 Smart Home Lösungen für den Massenmarkt eingeführt hat und seither den eigenen Zielen hinterherläuft wird 2015 bis 2016 mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen haben, während neue spitz-positionierte Marktteilnehmer und kapitalstarke große Player das Wachstum in den Segmenten abschöpfen.“ Dies wird 2016 nach seiner Aussage zu einer hohen Dynamik im Smart Home Markt in Europa führen. „Wir werden beobachten, dass die Investitionen sowohl in Smart Home Lösungen, als auch in die Vernetzung von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten weiter steigen“, so David Hofmann, „allerdings werden kleinere Unternehmen hier nur Schritt halten können, wenn sie sich entweder auf spitze Nutzungsszenarien und klar abgrenzbare Anwendungsfälle fokussieren oder mit anderen Marktteilnehmern kooperieren, um mit den großen Plattformanbietern konkurrieren zu können“. Bisher, so David Hofmann, ist es insbesondere kleineren Anbietern wie Netatmo und Tado gelungen sich erfolgreich im Markt zu etablieren. Für die mittelgroßen Anbieter gilt es das „stuck-in-the-middle“ Risiko zu minimieren, bevor die großen Anbieter ihr Engagement beim Ausbau ihrer Ökosysteme im Zuhause intensivieren.

Laden Sie den mm1 IFA Rückblick herunter.